Interview: Swissmem Network-Magazin

Unterwegs in die digitale Zukunft: Alle reden davon, doch wie kommt man der «Industrie 4.0» tatsächlich näher? Ordnung ins Begriffs- und Informationschaos rund um die vierte industrielle Revolution soll etwa die «Initiative 2025» bringen. Innovative Beispiele aus der Praxis zeigen zudem konkrete Wege auf. Urs Reimann will die Schweizer Industrie mit «Industrie 2025» durch die Transformation begleiten.

Link zum Magazin: Swissmem Network

Swissmem: «Industrie 2025» und «Industrie 4.0» – die Begriffe können zunächst verwirren…

Urs Reimann: Der Begriff «Industrie 4.0» wurde 2012 durch die gleichnamige deutsche Zukunftsinitiative geprägt. Dieses Konzept zeigt auf, wie der Transformationsprozess in Wertschöpfungsketten hin zur Digitalisierung und Vernetzung vorangetrieben werden kann. «Industrie 2025» bezeichnet hingegen die Schweizer Initiative von vier Branchenverbänden (siehe Kasten). Unter diesem Namen will die Initiative die Vision von Industrie 4.0 und die damit verbundenen Konzepte im Werkplatz Schweiz einführen und verankern. Das Ziel unserer Initiative ist, die Schweiz für das Thema zu sensibilisieren, Informationen bereitzustellen, interessierte Firmen und Partner zusammenzubringen. Wie der Name andeutet, hat das Ganze ein Ablaufdatum: Ziel ist, dass es uns im Jahr 2025 nicht mehr braucht.

Swissmem: Warum gerade 2025?

Urs Reimann: Es braucht eine Zeit der Reife, bis die Bestrebungen Wirkung zeigen. Eine Frist von zehn Jahren ist ideal. Das Thema ist aber jetzt aktuell, und wir wollen aufzeigen, dass wir heute etwas tun – mit klarem Ziel und Ende.

Swissmem: Wagen wir einen Zeitsprung: die MEMBranche im Jahr 2025.

Urs Reimann: Zunächst: Das Thema an sich ist nicht neu. Vor zehn Jahren hatten wir ähnliche Themen auf dem Radar. Aber die Technologie war noch nicht so weit. Heute ist es eher so, dass sich der Mensch schneller bewegen muss. Die Technologie ist uns voraus. Ich denke aber, dass Digitalisierung und Vernetzung in zehn Jahren weit fortgeschritten sein werden. Etwa die digitale Vernetzung über die Grenzen der Firmen hinaus, zu Lieferanten und Kunden. Zudem sollten sich die Organisationsformen angepasst haben: In Firmen gibt es viele Abteilungen mit unterschiedlichen Systemen, Aufträgen und Prioritäten. Diese Medienbrüche müssen aufgelöst werden. In dynamischen und flachen Organisationsformen ist die digitale Transformation deutlich einfacher zu realisieren.

Swissmem: Damit sich dies schneller durchsetzt, hat man Sie neu als Geschäftsführer von «Industrie 2025» eingesetzt. Ihr erstes Fazit?

Urs Reimann: Mein Job ist sehr spannend! Ich habe eine gute Situation vorgefunden, das Thema ist ja schon sehr bekannt. Viele interessieren sich für die Themen der Industrie 4.0. Jetzt geht es darum, dass man weiter ausbaut, mehr Substanz aufbaut.


Swissmem: Wie gehen Sie konkret vor?

Urs Reimann: Wir werden interessierte Firmen und Experten mit Praxiserfahrung auf Events zusammenbringen. Zudem Arbeitsgruppen mit Partnern bilden. Wir beraten Unternehmen bezüglich ihrer Strategie. Und sind auch in den Medien sehr präsent.

Swissmem: Warum wurde die Initiative nötig, wenn das Thema bereits bekannt ist?

Urs Reimann: Das Feld «Industrie 4.0» ist riesig und komplex. Es schwirren viele unterschiedliche Informationen und Begriffe herum. Das macht es für Firmen schwierig. Sie wissen nicht recht: Wo liegt der Nutzen? Wo führt das alles hin? Welche Chancen und Risiken ergeben sich? Wir sehen uns als unabhängige Plattform, sind Ansprechpartner für solche Fragen. Die Leute werden über die Me- «Wir müssen mehr Substanz aufbauen.» Urs Reimann will die Schweizer Industrie mit «Industrie 2025» durch die Transformation begleiten – wenn er seinen Job gut macht, braucht es ihn bald nicht mehr. Wegweiser in die Zukunft Urs Reimann ist seit März 2016 Geschäftsführer der Initiative «Industrie 2025». Seine Hauptaufgabe: informieren, informieren, informieren. 8 NETWORK 2/2016 IM GESPRÄCH dien massiv mit dem Thema konfrontiert, aber es ist wichtig, dass wir sie konkret auf persönliche Ziele hin abholen. Sonst bleibt das Thema abstrakt. Erst wenn die Geschäftsführer richtig informiert sind, haben sie den Mut, Investitionen zu tätigen. Die konkreten Projekte begleiten dann unsere Partner weiter, etwa Beratungs- und Ingenieursfirmen.

Swissmem: Welche Hürden begegnen Ihnen?

Urs Reimann: Die grösste Schwierigkeit ist, die Firmen auch wirklich zu erreichen, die vor einem Transformationsprozess stehen, sie mit Informationen zu versorgen und mit den richtigen Leuten zusammenzubringen. Es braucht zudem eine Transformation des Denkens: Mit kleinen, vereinzelten Projekten kommt man nicht weit. Industrie 4.0 ist ein strategischer Weg, den das Management einschlagen muss. Eine digitale Gesamtstrategie vermisse ich aber nach wie vor bei den meisten Unternehmen. Mit unserer Initiative versuchen wir, diesbezüglich Orientierung zu geben.


Swissmem: Haben Firmen, die bei der Digitalisierung nicht mitmachen, überhaupt noch eine Chance?

Urs Reimann: Natürlich muss nicht alles digitalisiert werden. Aber bei Firmen, die eine hohe Technologiedichte haben, ist eine Automatisierung und somit Digitalisierung und Vernetzung notwendig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der industrielle Werkplatz Schweiz muss sich dem digitalen Wandel stellen und eine führende Rolle einnehmen, damit dieser auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt.

Swissmem: Haben Sie ein Musterbeispiel parat?

Urs Reimann: Eine Firma, die alles richtig macht? Wir sehen im Werkplatz Schweiz einige gute Beispiele, die bereits realisiert wurden – auch aus anderen Branchen, die schon weiter als wir sind. Wir können einiges abschauen von bereits erfolgreichen Modellen. Fortgeschritten ist die Digitalisierung, wo zum Beispiel Services und virtuelle Produkte verkauft werden: bei Banken und Versicherungen. Bei der produzierenden Industrie sind die Anforderungen aufgrund der eingesetzten Produktionsinfrastruktur andere und oft auch sehr aufwendig. Neue, internetfähige Maschinensteuerungen und Komponenten bringen aber auch hier erheblich mehr Möglichkeiten und Tempo.

Swissmem: Welche Risiken gibt es bei der Umstellung für Firmen?

Urs Reimann: Die Technologie muss im Businessmodell einen klaren Nutzen bringen. Es geht nicht darum, technische Spielereien auszuprobieren. Daher ist die Vorarbeit, die Analyse und die Erarbeitung des Gesamtkonzepts, sehr wichtig. Man sollte erst aktiv mit der digitalen Vernetzung anfangen, wenn Organisation und Prozesse stimmig sind: Sind sie schlank organisiert? Macht jeder Schritt Sinn? An welchen Orten kann man Mehrwerte generieren, etwa für ein besseres Kundenerlebnis? Die Digitalisierung und Vernetzung ist aus meiner Sicht weniger das Problem.

Swissmem: Haben Sie weitere konkrete Tipps?

Urs Reimann: Kurz zusammengefasst ist der optimale Weg zur Digitalisierung: Firmen sollten sicher sein, dass die Prozesse, die Organisationsform und das Businessmodell zukunftsorientiert und optimiert gestaltet sind. Die Geschäftsleitung sollte über eine übergeordnete digitale Strategie verfügen. Dann sollte man die Digitalisierung vorantreiben, die relevanten Daten erheben. Als nächster Schritt muss vertikal und horizontal vernetzt werden, also entlang der Wertschöpfungskette und der Hierarchieebenen. Viel Wert muss auch auf die Auswertung der Informationen gelegt werden. Das ist heute eine Schwachstelle. Daten gibt es zuhauf, aber was machen wir damit? Nach der Analyse ergeben sich dann hoffentlich neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle.

Portrait
Urs Reimann verfügt über eine langjährige Erfahrung als Unternehmer und Dozent. In seinen Tätigkeiten befasst er sich seit 2003 primär mit produktionsnahen Geschäftsprozessen, digitalen Technologien, Automatisierung und digitalen Geschäftsmodellen. Urs Reimann ist Ingenieur mit Abschlüssen in Elektrotechnik, Unternehmensführung und Unternehmensentwicklung.

Urs Reimann

Share

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.