Interview: Swissmem Jahresbericht – Digitale Transformation

Swissmem: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit ein Unternehmen fit ist für die digitale Transformation?

Urs Reimann: Heute wird viel über Daten und Informationen bzw. die digitale Transformation gesprochen, trotzdem zeigt die Praxis oft, dass sich zu wenige konkret um dieses Thema kümmern. Daten und Informationen gelten jedoch allgemein als eine der wichtigsten Grundlagen aller digitalen Geschäftsmodelle. Vielen Initiativen fehlt noch ein klares Ziel und der ganzheitliche strategische Überbau sowie ein klares Commitment aus der Geschäftsleitung. Geht es um Effizienzsteigerung der internen Abläufe, eine bessere Kundenorientierung oder vielleicht um neue Geschäftsmodelle? Angesichts dieser umfassenden Fragestellungen bzw. Anforderungen brauchen Unternehmen eine digitale Strategie und gute Kommunikatoren aus der Geschäftsleitung, die für die Chancen der digitalen Transformation werben. Da die digitale Transformation über Abteilungsgrenzen hinweg stattfindet, ist eine Denkweise in digitalen Prozessen der gesamten Wertschöpfungskette entlang notwendig.


Swissmem: Welche konkreten Schritte raten Sie einem Unternehmen, das am Anfang der Implementierung steht oder noch gar nicht damit begonnen hat?

Urs Reimann: Die Schwierigkeit besteht darin, aus den altbewährten Strukturen und Geschäftsmodellen heraus neben dem Risiko auch die Chancen der Digitalisierung zu ergreifen. Zu Beginn ist es wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen an welchem Punkt der digitalen Transformation sich das Unternehmen befindet. Eine Bestandsaufnahme aller relevanter Produktions- und Geschäftsprozesse die mittelbar oder unmittelbar mit IT und Webtechniken interagieren oder dies zukünftig tun sollten, muss erhoben werden. Weiter sollte geprüft werden inwieweit bestehende Produkte, Services oder auch das Geschäftsmodell durch eine Überführung auf digitale Plattformen zusätzliche Werte für die Kunden schaffen könnten. Die Herausforderung für Unternehmen besteht darin, digitale Prozesse nicht nur vereinzelt, sondern mit einer durchgängigen Wirkung einzuführen. Ziel ist es, mit jedem Schritt echte, messbare Verbesserungen zu erzielen.


Swissmem: Wo liegen aus Ihrer Erfahrung mögliche Stolpersteine?

Urs Reimann: Die Schwierigkeiten sind vielfältig. Fehlende Zielformulierungen, fehlende Priorisierungen, fehlende ganzheitliche Umsetzumgsstrategien, fehlende Ressourcen oder fehlendes Knowhow führen in der Regel zu wenig positiven Ergebnissen. Auch ist fest zu stellen, dass die Themen der digitalen Transformation oft nicht auf C-Level initialisiert und getrieben werden. Dieser Umstand lässt Initiativen oft wirkungslos. Da die digitale Transformation alle relevanten Produktions- und Geschäftsprozesse erfasst, hat dies auch Auswirkungen auf die Organisations-Strukturen. Abteilungs-Silos werden aufgebrochen, Rollen und Verantwortlichkeiten neu definiert, altbewährte Abläufe in Frage gestellt, etc. Veränderungen sind oft wenig willkommen, bringen sie doch Unruhe und Unsicherheit in den Tagesablauf. Digitale Aktivitäten in Kernprozessen und automatisierte Prozesse sind jedoch wesentlich für die Dynamik beim digitalen Wandel, sei es bei der funktionsübergreifenden Zusammenarbeit, bei der Integration externer Stakeholder oder im Kundenkontakt.


Swissmem: Welche Chancen eröffnen sich? Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Urs Reimann: Die digitale Transformation bietet Unternehmen viele neue Chancen wie Kostenreduktion und Effizienzsteigerung im Betrieb, Umsatzsteigerung durch neue digitale Produkte und Services sowie die Verbesserung des Kundenerlebnisses und damit eine Erhöhung der Kundenbindung. Dank einer leistungsstärkeren Vernetzung der Wertschöpfungskette lassen sich Produktions- und Geschäftsprozesse besser synchronisieren, Innovationszyklen beschleunigen und Produktionszeiten kürzen. Auch werden die spezifischen Kundenbedürfnisse transparenter. So lassen sich völlig neuartige Produkte und Leistungen entwickeln und anbieten. Die grundlegenden Veränderungen der Digitalisierung werden immer deutlicher. Menschen, Infrastrukturen und Maschinen sind vernetzter denn je, immer mehr Kunden kaufen online ein, recherchieren Informationen und erwarten die gewünschten Produkte auch online präsentiert zu bekommen. Die Digitalisierung ist mittlerweile so alltäglich, dass man sie leicht übersieht. Aufmerksame Unternehmen erkennen im technischen Wandel Ihre beispiellose Wettbewerbschancen und richten ihre Prozesse bereits entsprechend aus.


Portrait
Urs Reimann verfügt über eine langjährige Erfahrung als Unternehmer und Dozent. In seinen Tätigkeiten befasst er sich seit 2003 primär mit produktionsnahen Geschäftsprozessen, digitalen Technologien, Automatisierung und digitalen Geschäftsmodellen. Urs Reimann ist Ingenieur mit Abschlüssen in Elektrotechnik, Unternehmensführung und Unternehmensentwicklung.

Share

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.